Hundegesundheit - Ein Interview mit der Tierärztin Stephanie Bothien

 

Obwohl Kaufberatungen bei Hundeschulen immer noch viel zu selten in Anspruch genommen werden, scheint sich doch langsam ein Bewusstsein zum Thema Hundegesundheit zu entwickeln. Der Rassehund und seine ins Extrem gezüchteten Formen steht immer öfter im Zentrum emotionaler Diskussionen. Auf der einen Seite die Züchter und Liebhaber der entsprechenden Rasse, auf der anderen Tierärzte, die das Leid täglich erleben und Tierschützer, die sich für ein Verbot bestimmter Qualzuchten einsetzen. Mir ist es an dieser Stelle wichtig aufzuklären. Es geht nicht darum, Besitzer solcher Rassen an den Pranger zu stellen, sondern für die Zukunft eine notwendige Veränderung für unsere Hunde ins Bewusstsein von Hundeliebhabern zu bringen. Oft ist ihnen nämlich nicht bewusst, was diverse überbetonte Rassemerkmale für das Leben des Hundes bedeuten können. So ist das Röcheln brachyzephaler Rassen (Kurzköpfigkeit, angeborene Deformation des Schädels) nicht als niedlich oder charmant zu bewerten, sondern der verzweifelte Versuch, genug Luft zu bekommen. Verengte und verkürzte Atemwege, sowie eine im Verhältnis oft zu große Zunge und ein zusätzlich verlängertes und verdicktes Gaumensegel, neben weiteren Deformationen im Bereich des Rachens und der Luftröhre führen zu andauernder Atemnot. Durch die verminderte Fähigkeit zu Hecheln, stellt das vor allem bei höheren Temperaturen ein Problem dar, da Hunde über das Hecheln ihre Temperatur regeln. Hunde solcher Rassen sind daher im Sommer stark Hitzschlag gefährdet. Die permanente Unterversorgung mit Sauerstoff ist auch für das Herz auf Dauer von Nachteil.
Wer schon einen Hund mit derart extrem ausgeprägten Merkmalen besitzt, der kann ihm unter Umständen durch chirurgische Eingriffe das Leben erleichtern. Ein Gespräch mit einem guten Tierarzt ist hier im Sinne der Lebensqualität des Hundes anzuraten. Wer seinen Hund bereits als Junghund zweimal operieren lassen musste, damit das Tier atmen kann, der wäre sicher über mehr Informationen im Vorfeld dankbar gewesen. Man liebt sein Tier und leidet mit ihm und weiß im Nachhinein: Züchter, die mit Vorsatz Hunde mit einer derart ausgeprägten Atembehinderung züchten, sollten nie wieder einen Cent verdienen!

Und hier sprechen wir nur von einem Problem eines Hundetypus. Zahlreiche andere gesundheitliche Probleme und genetische Krankheiten sind mittlerweile fest in unseren Hunden verankert. Behandelt man so den "besten Freund des Menschen"?

Wie stehen eigentlich Tierärzte zu den Krankheiten und Problemen unserer Hunde? Schließlich klingeln dank des alarmierenden Zustandes des heutigen Rassehundes die Kassen...

Tschechoslowakischer Wolfshund

 

Im Anschluss ein Interview mit Stephanie Bothien vom Tiergesundheitszentrum Berlin-Mahlsdorf. Frau Bothien ist praktizierende Tierärztin, war jahrelang Mitglied im BHV (Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater) und hat selbst als Hundetrainerin gearbeitet. Sie leitete gemeinsam mit Dr. Roderich Sondermann das Tiergesundheitszentrum. Dr. Sondermann war Dozent zum Thema Tiergesundheit im BHV und leitete neben der Praxisarbeit Welpen- und Junghundgruppen.

 

 

1. Würden Sie sagen, dass sich die typischen Hundekrankheiten bzw. die Gesundheit der Hunde im Allgemeinen in den letzten Jahren verändert haben? Oder hört man zu viele Geschichten und im Grunde ist alles weniger dramatisch?

Seit einigen Jahren treten einige Erkrankungen häufiger auf. So zum Beispiel Allergien, aber auch Krebserkrankungen. Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass die Hunde dank der besseren Fürsorge durch den Tierhalter (der Hund ist ein Familienmitglied) und durch die bessere tiermedizinische Versorgung immer älter werden und so vielleicht Krankheiten wie Krebsleiden häufiger zu sehen sind.

2. Welche Hunderassen bzw. Hundetypen sind genetisch besonders vorbelastet? (Bei welchen Rassen müsste Ihrer Meinung nach dringend etwas unternommen werden?)

Besonders häufig sehen wir französische und englische Bulldoggen mit Hautproblemen und Problemen des Bewegungsapparates. Gerade die Hautprobleme stellen den Tierarzt aber auch den Tierhalter vor eine große Geduldsprobe, da die Ursache oft erst nach langer Suche zu finden ist. Die mangelnde Knorpelausreifung, die mit der Rückzüchtung des Schädels genetisch gekoppelt ist, führt bei diesen Rassen zu Bandscheibenvorfällen in frühem Alter. Hundehalter mit Hunden dieser Rassen sollten bei kleinsten Anzeichen von Hautproblemen oder Lahmheiten den Hund dem Tierarzt ihres Vertrauens vorstellen. Wer mit solche einer Rasse liebäugelt, sollte sich ebenfalls von seinem Tierarzt beraten lassen und verschiedene seriöse Züchter besuchen.
In meinen Augen stellen einige Rassen Qualzuchten dar. Auch auf die Gefahr hin mich hier unbeliebt zu machen nenne ich mal einige Vertreter: französische Bulldoggen, englische Bulldoggen, Möpse, alle Hunde mit so viel Haaren, dass sie nichts sehen können (und der Halter schneidet sie auch nicht ab, da der Züchter ja sonst schimpft!), viele deutsche Schäferhunde und scheinbare Rückzüchtungen von brachycephalen Rassen, die aber keine wirklichen Rückzüchtungen sind! Es ist auch für mich als Tierärztin einfach nur traurig, wenn in meine Sprechstunde eine 2 jährige französiche Bulldogge mit einem hoch schmerzhaften Bandscheibenvorfall kommt, oder der „Engländer“, der vor HD (Anm. Hüftdysplasie - eine Fehlentwicklung des Hüftgelenks) kaum laufen kann oder sich wegen seiner Allergie halb wahnsinnig kratzt. Auch wenn es mein täglich Brot ist macht mir das keinen Spaß. Es macht mich wütend und ich wünschte, diese Rassen würden besser kontrolliert werden (fragt sich nur von wem).  Auch über ein totales Zuchtverbot könnte man nachdenken....

3. Häufig stellt sich vor der Anschaffung eines Hundes die Frage: „Rassehund oder Mischling“? Kann man diese Frage pauschal beantworten?

Nein, das kann man ganz klar nicht. Mischlinge können strotzen vor Gesundheit, genau wie der teuere Rassehund ein Dauerkandidat beim Tierarzt werden kann. Wir können nur raten einen Hund nicht übers Internet zu kaufen, noch dazu wenn keine Elterntiere angetroffen werden. Der Hund sollte nach Anschaffung dem Haustierarzt vorgestellt werden, der die neuen Hundeeltern ausführlich berät und sich Zeit nimmt alle Fragen zu beantworten. Auch in einer guten Hundeschule, die der Welpe zeitnah im Zuge der Prägephase besuchen sollte (Welpenspielgruppen) findet die neue Familie Hilfe und Antwort auf die auftretenden Fragen.

4. Woran liegt es, denken Sie, dass immer mehr Hunde unter einer Futtermittelunverträglichkeit leiden? Am Futter oder an den Hunden?

Gute Frage....Futtermittelunverträglichkeiten sind ein wenig in Mode gekommen. Nicht jeder Juckreiz ist eine Futtermittelunverträglichkeit. Der Trend in der Hundeernährung geht zum BARFEN (Anm. Rohfütterung mit Fleisch) und zu getreidefreier Ernährung. In unserer Praxis sehen wir allerdings fast immer bei der routinemäßigen Blutabnahme der BARFER, dass diese Hunde diverse Mängel haben (Jod, Zink, Kupfer). Ich kann nur noch einmal auf die Notwendigkeit hinweisen, eine BARF-Ration vom Experten (Institut für Tierernährung) ausrechnen zu lassen. Vielleicht spielen solche Mängel eine Rolle, mit Sicherheit aber auch die Züchtung, da einige Rassen (wie schon erwähnt) überproportional häufiger betroffen sind.

 

 
Posted on January 13, 2016 and filed under Alltag mit Hund.