Findus Lizzy Pedro

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Nicht alle Hunde sind gleich......

 

 

FINDUS

Findus wurde von Tierschützern in Rumänien von der Straße eingesammelt. Er sah gut aus, war gut genährt und ganz klar an Menschen gewöhnt. Nur das Fell war recht ungepflegt und ein Halsband trug er nicht. Er ließ sich anstandslos mitnehmen und lebt nun in Berlin. Ob er vorher eine Familie hatte und quasi entführt wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Findus ist ein selbstbewusster Typ, in Rumänien hatte er viele Freiheiten und vermutlich genug Gelegenheiten gehabt zu lernen,  mit Menschen und anderen Hunden umzugehen. So wie er das für richtig hält. Die ersten beiden Wochen lief alles super, seine neuen Menschen verschafften ihm viele Hundekontakte, allerdings an der Leine, da sie sich noch nicht trauten, ihn abzuleinen. Dann ging es langsam los, das Findus an der Leine immer angespannter im Kontakt mit Hunden wurde. Vor allem solche, die stürmisch auf ihn zukamen und (unangeleinte) Rüden, die ihn körpersprachlich herausforderten oder gar bedrohten stressten ihn. Für seine neuen Menschen ist Findus der erste Hund und seine körperliche Anspannung konnten sie nicht immer sehen. Und wenn doch bekamen sie von den anderen Hundehaltern gesagt: "Die machen das schon alleine aus." Findus hingegen fand sich in einer völlig neuen Situation. Unglaublich viele Hundekontakte mit unglaublich vielen fremden, immer wechselnden Hunden, tagtäglich. Oft im 3-Minuten Takt. Und: Er wurde dabei festgehalten, konnte nicht ausweichen, oft war es auf engem Raum und niemand fragte ihn, Findus, ob er diese Kontakte überhaupt möchte. Jeder ging einfach davon aus, dass es wohl so sein müsse. Findus ist wie gesagt ein erfahrener, selbstbewusster Rüde, er ist erwachsen, spielen mit anderen Hunden gehört nicht mehr zu seinen bevorzugten Beschäftigungen. Und schon gar nicht, wenn man dabei festgehalten wird. Hündinnen sind für ihn teilweise interessant, Rüden geht er in der Regel aus dem Weg, sie werden geduldet oder in die Schranken gewiesen. Ansonsten ist er ein Hund, der einfach seine Ruhe haben möchte. Berlin und diese ständigen unfreiwilligen engen Kontakte, bei denen der andere Hund oftmals frei laufend war und damit klar im Vorteil... ging ihm sehr schnell auf die Nerven. Der entspannte, kuschelige Rumäne wurde bald zum angespannten, sozial überforderten, gestressten Hund. Hinzu kommt, dass Findus wie viele größere Hunde an Hüftdysplasie (HD) leidet. Jeder Kontakt mit Hunden kann für ihn daher zusätzliches Unwohlsein oder gar Schmerz bedeuten, da er ja nun mal nicht mehr ausweichen kann, wie er das früher immer ganz entspannt konnte.

 Findus hat einfach die (Hunde-) Schnauze voll.......

Findus hat einfach die (Hunde-) Schnauze voll.......

Angefangen hatte es so, dass er die Analkontrolle durch andere Hunde nicht mehr zuließ und dann attackierte. Später reichte es, wenn er nur die Hundemarke eines Hundes hörte um sich anzuspannen und wenn der Hund nahe genug dran war, vorwärts zu gehen. Bei Hündinnen und Kastraten beruhigte er sich manchmal wieder, aber auch nicht immer. Bei Rüden war er nicht mehr zu bändigen. Im Freilauf hingegen ist Findus souverän im Umgang mit anderen Hunden beider Geschlechter und wirkt sehr erfahren. Nur an der Leine wurde er zum Monster. Seine Menschen verstanden seine recht rasche Verhaltensänderung an der Leine überhaupt nicht. Jetzt wissen sie, dass er schlichtweg ein Mitspracherecht braucht, mit wem er in Kontakt gehen möchte und mit wem nicht. Alles andere empfindet er als übergriffig und das lässt er, und das ist sein Recht, einfach nicht mit sich machen. Frauchen und Herrchen versuchen seither an der Leine einfach entspannt an anderen Hunden vorbei zu gehen. Oder diese höflich weiter zu schicken. Die Hunde haben damit meist kein Problem und gehen sich aus dem Weg. Was sich in Berlin aber als unglaublich schwierig gestaltet, sind die Reaktionen der anderen Hundebesitzer. Selbst wenn klar ist, dass kein Kontakt erwünscht ist, nehmen viele ihre Hunde nicht ran und führen sie nicht mit Abstand vorbei. Selbst wenn man höflich fragt, wird die Bitte viel zu oft ignoriert und dem nicht genug, bekommen Findus Menschen ungefragt Ratschläge bis hin zu äußerst unhöflichen Anfeindungen. "Was hat denn Ihr Hund?" ist da noch die freundlichste Frage. "Ihr Hund ist aber aggressiv." "Besuchen Sie mal eine Hundeschule." oder "Hunde müssen immer Kontakt haben!" ist nur eine Auswahl an wenig konstruktiven Belehrungen, die sie täglich über sich ergehen lassen müssen. Findus Frauchen ist schwanger und geht im Grunde kaum noch mit ihm vor die Tür. Einen Hund zu haben hat sie sich ganz anders vorgestellt. Der Leidensdruck ist zu groß geworden. Das extreme Ausrasten von Seiten Findus wurde zwar mit Hilfe eines Trainers bearbeitet und ist mittlerweile weitestgehend im Griff. Aber die ständigen ungewollten Hundekontakte, bei denen keiner vorher fragt, ob es denn überhaupt erwünscht ist, lassen sich nicht vermeiden. Das ist leider eine Frage der allgemeinen Rücksichtnahme. Findus sitzt jetzt viel in der Wohnung herum. Da die Situation später mit Kinderwagen auch nicht ungefährlicher werden wird, mussten Findus neue Besitzer genau nachdenken, wie sie es in Zukunft machen werden. Findus hat Glück. Seine Menschen haben ihn so lieb gewonnen, dass sie ihn nicht wieder abgeben wollen. Zudem gibt es finanziell die Möglichkeit, nach der Geburt Berlin zu verlassen und auf's Land zu ziehen.

Dieses Glück haben viele andere Hunde, die leinenaggressiv geworden sind, leider nicht. Mit den ständigen Auseinandersetzungen mit anderen Hundebesitzern und der ständigen Gefahr, dass es zu einer ernsthaften Beißerei kommen könnte, muss man als Hundehalter erst mal leben können. Drei mal täglich. Ein unglaublich stressbelasteter Zustand für alle Beteiligten, Mensch und Hund.

Und die Lösung wäre an sich so einfach......


 Lizzy fühlt sich an der  Leine sichtlich unwohl, wenn sich ein Hund nähert.

Lizzy fühlt sich an der  Leine sichtlich unwohl, wenn sich ein Hund nähert.

LIZZY

Lizzy ist eine kleine Chihuahuadame aus Mailand. Mit Frauchen lebt sie seit einem Jahr in Berlin. In Mailand hatte Lizzy leider recht wenig Kontakt zu Hunden. Frauchen hat das nicht wirklich mit ihr geübt, weil Lizzy Hunden auch immer eher aus dem Weg gehen wollte. Und vor allem auch, weil Lizzy einfach sehr viel Freude mit Menschen hat und diese meist den Hunden vorzieht. Seit sie in Berlin ist, hat sich das geändert. Lizzy hat unfreiwillig sehr viel Hundekontakt. Sie ist eher unsicher, schließlich ist sie wirklich klein und das spürt sie auch. Dass manche Menschen behaupten, Hunde wären sich ihrer Größe nicht bewusst, kann Lizzy nicht nachvollziehen. Sie fühlt sich klein und da sie nie die Möglichkeit hatte, den Umgang mit anderen Hunden verschiedener Größen und mit unterschiedlichen Persönlichkeiten zu lernen, verunsichern sie Hundekontakte. Daher kann sie nur selten ohne Leine laufen, sie würde vor Angst auf die Straße rennen. Es ist auch schon ein paar Mal vorgekommen, dass größere Hunde (die nicht auf ihre Halter hörten) es witzig fanden, den kleinen schreienden Hund zu jagen und seither ist Frauchen zu Recht vorsichtig. Nun hat Lizzy aber das gleiche Problem wie Findus. Sie kann an der Leine der Situation nicht aus dem Weg gehen. Und sie ist winzig klein. Ihre gesamte Körpersprache an der Leine schreit förmlich: "Bitte, ich fühle mich äußerst unwohl, ich möchte keinen Kontakt." und selbst ein Mensch, der noch nie einen Hund hatte, wäre vermutlich in der Lage diese deutliche Körpersprache zu lesen. Trotzdem sind viele andere Hundebesitzer davon völlig unberührt. Ihre in der Regel wesentlich größeren Hunde dürfen zu Lizzy hinrennen. Egal ob sie es möchte oder nicht. Sie ist der Situation ausgeliefert und daher löst es immer großen Stress bei ihr aus. Lizzys Mensch hatte früher schon Hunde, allerdings waren das eher größere Hunde und sie waren allesamt recht cool im Umgang mit anderen Hunden. Lizzy ist der erste kleine Hund. Und für Frauchen ist es neu einen Hund zu haben, der keinen Wert auf Kontakt zu anderen Hunden legt. Da sie mit der Situation selbst überfordert war, nahm sie anfangs auch die Kommentare der anderen Hundebesitzer als Ratschläge an. "Da muss Ihr Hund jetzt halt mal durch, das muss er lernen." Und so schaute Sie zu, wie ihr völlig überforderter Hund an der Leine von anderen Hunden bedrängt wurde, ohne Ausweichen zu können. Ihr Gefühl sagte ihr, dass das so nicht richtig sein kann, aber den forschen Ratschlägen der Leute hatte sie zunächst nichts entgegen zu setzen. Das Problem verschärfte sich, da Lizzy sich komplett alleine gelassen und ausgeliefert fühlte. Ein ängstliches Häufchen Elend mit aufgestellten Haaren wie ein kleines Mini-Trampeltier (Anm. der Redaktion: Kamel mit zwei Höckern). Dann begann Frauchen sich schützend vor Lizzy zu stellen und wenn mehr als ein Hund ankommt und die Situation extremen Stress für Lizzy bedeutet, nimmt sie sie durchaus auch auf den Arm. Einer sehr kleinen und unsicheren Hündin an der Leine ein sicheres Gefühl zu geben, ist gar nicht so leicht. Im Grunde muss man den ganzen Tag kommunizieren, dass kein Kontakt an der Leine erwünscht ist. Und auch Lizzys Frauchen kämpft mit der Art, wie andere Hundehalter sich verhalten. Kopfschütteln, Belächeln und auch Sätze wie "So Leute wie Sie haben gar keinen Hund verdient." "Wenn Sie Ihren Hund hochheben, brauchen Sie sich nicht wundern, dass er Angst hat." kennt sie zu Genüge. Aus Mailand kennt sie diesen Umgang unter Hundehaltern nicht. Begegnen sich dort Hund-Mensch-Teams, nehmen die Leute ihren Hund kurz ran, Leinen ihn an, führen ihn höflich vorbei und lassen ihn dann wieder laufen. Oder fragen, ob es in Ordnung wäre, dass die Hunde in Kontakt gehen. Man möchte niemanden bedrängen. In Mailand war Lizzy noch ein völlig entspannter Chihuahua.

Na bitte, es geht also. Andere Kulturen bekommen ein rücksichtsvolles Miteinander hin.....Wenn Lizzys Frauchen es schafft, ihrer Kleinen weiterhin entspannte Leinenspaziergänge ohne ständige unfreiwillige Hundekontakte zu verschaffen und für sie zu sorgen (parallel dazu übt sie nachträglich Sozialkontakte in entspanntem Umfeld, OHNE Leine, mit genügend Raum, mit gut erzogenen Hunden), wird Lizzy hoffentlich nicht einer dieser kleinen, völlig verzweifelten Leinenkläffer, die sich beim Anblick eines anderen Hundes sofort so groß wie nur möglich machen und so laut wir nur möglich poltern, um den anderen Hund auf Abstand zu halten. Wenn es schon sonst keiner macht.......


PEDRO

Auch Pedro ist wie so viele Hunde in Berlin aus dem Tierschutz. Der Galgo wurde in Spanien von seinem Jäger entsorgt, Tierschützer sammelten ihn ein. Pedro ist jung und hat mit Hunden keine Probleme. Allerdingst ist das spanische Landei mit dem Lärm, der Hektik und den viel zu vielen Reizen in Berlin stark überfordert. Er hat vor unglaublich vielen Dingen und Geräuschen Angst, ist außerhalb der Wohnung permanent unsicher und für seine beiden Menschen ist das eine schwierige Situation. Sie haben das Gefühl, dem Hund nicht wirklich geholfen zu haben, sondern ihn mit dem Leben in Berlin komplett zu überfordern. Sie haben sich professionelle Hilfe gesucht und arbeiten nun an Pedros Ängsten. Es gibt auch schon einige Fortschritte zu verzeichnen, aber ob die Entscheidung letztendlich die richtige war, oder wie es mit Pedro weiter gehen wird, ist noch unklar. Pedro hat wie gesagt keine Probleme mit Hunden, er scheint gut sozialisiert zu sein und macht im Kontakt im Wald oder Hundeauslaufgebiet windhundtypisch viel über Bewegung und Geschwindigkeit. In Berlin hängt er aus Sicherheitsgründen doppelt gesichert an Geschirr und Halsband und kämpft sich ziemlich verängstigt, zum Teil leicht panisch, durch die Stadt. Trotzdem steuern zusätzlich noch manche Hundehalter mit ihren Hunden auf ihn zu, in ihn rein. Es ist absolut unübersehbar, dass der Hund gerade Stress hat und keinen Kopf für eine Hundebegegnung. Jetzt muss Pedro, während er versucht das Gefahrenpotential der vorbeifahrenden Tram, der rennenden Kinder, des Baustellengerüsts, des Kinderwagens, der Fahrräder und Autos und des Kinderwagens auszuloten, sich auch noch mit einem anderen Rüden auseinandersetzen. Einem der eben nicht nur spielen will, sondern an der Leine mal kurz klären möchte, wer der coolere Typ von beiden ist. Steifbeinig und fixierend. Während Pedro sich gestresst windet und sich mit Herrchen in der Leine verheddert. Auf die höfliche Bitte den Hund ranzunehmen und einfach weiterzugehen kommt dann als Antwort noch ein vorwurfsvolles "Der arme Hund! Entspannen Sie sich doch mal oder lassen Sie ihn von der Leine. Hunde müssen frei sein."...... Auch für Pedros Leute ist es immer wieder überraschend, wie wenig Feingefühl andere Hundebesitzer mitbringen. Zu einem Kontakt gehören immer zwei und BEIDE müssen mit dem Kontakt einverstanden, dazu in der Lage sein. Eigentlich völlig logisch. Pedro hat mittlerweile begonnen leise zu knurren, wenn sich Hunde nähern. Sein entspanntes Verhältnis zu Hunden verändert sich bedauerlicherweise. Da Pedros Leute mittlerweile ziemlich genervt sind, von dem täglichen Kampf auf der Straße und Pedro sich einfach nur draußen in der Natur wie ein glücklicher, normaler Hund verhalten kann, fahren sie täglich mit dem Auto raus. Aus der Wohnung, in das Auto, auf das Feld. An seinen Ängsten wird natürlich weiterhin gearbeitet. In der Hoffnung, dass man nicht zu vielen anderen Hundemenschen begegnet, die die Situation zusätzlich verschärfen.....


Abschließend möchte ich dazu noch sagen, dass es zum Glück auch viele rücksichtsvolle und achtsame Menschen da draußen gibt. Leute die sehen, dass man keinen Kontakt möchte, ihren Hund kurz rufen, im Fuß vorbei führen und wieder laufen lassen. Dauert 5 Sekunden und macht den Umgang miteinander so viel entspannter. Und es gibt viele Menschen, die vorher fragen. Ich persönlich bedanke mich dann immer für die Rücksicht. Man soll sich ja nicht nur auf das Negative konzentrieren ;-).

Aber nicht ohne Grund hielt ich es für wichtig, dieses Problem ein weiteres mal zu thematisieren (siehe Artikel unten "der angeleinte Hund"). Für einen Menschen mit einem leinenaggressiven oder ängstlichen oder kranken oder alten und blinden oder oder oder oder Hund, sind Spaziergänge wirklich oft ein Spießrutenlauf. Es kann die Lebensqualität wirklich unglaublich einschränken, wenn man dem täglich mehrfach ausgeliefert ist. Als Hundetrainerin bekomme ich durch meine Kunden natürlich die geballte Ladung an Geschichten mit und ich muss sagen, die werden immer verrückter. Einfach nur nicht auf den andern zu achten, das ist ja ein genereller Trend, aber die völlig kontraproduktiven Belehrungen und Anfeindungen, das scheint tatsächlich immer krasser zu werden. Man könnte ein Buch schreiben. Findus, Lizzy und Pedro sind nur ein klitzekleiner Ausschnitt. Und gefühlt nimmt die Zahl der an der Leine gestressten Hunde zu. Wen wundert’s.

Daher, liebe Leute, wenn Euch all dies vorher nicht bewusst war, kein Problem! Jetzt ist es euch bewusst und ihr wisst für euren nächsten Spaziergang: Viele Hunde wollen an der Leine einfach nur ihre Ruhe.

Also gehe ich höflich vorbei oder ich frage nach. Denn auch der Hund an der Leine möchte entscheiden können, ob er berührt und konfrontiert werden möchte, oder nicht....

 

DANKE! :-)

 
 
Posted on July 2, 2018 and filed under Alltag mit Hund, Rücksicht + Miteinander.

Das machen die alleine aus!

 
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Ein alter - neuer Trend auf der Hundewiese

 

 

Klar, natürlich möchte man nicht zu den übervorsichtigen Hundehaltern zählen. Vor allem nicht in Berlin ;-). Vor allem auch nicht, weil der Hund dann ja auch übervorsichtig und ängstlich werden könnte und dann macht das Leben in der Hundehauptstadt sicherlich keinen Spaß mehr. Ein absolut nachvollziehbarer und richtiger Gedanke. Gerade aber für Menschen, die das erste Mal gemeinsam mit einem Hund die Stadt durchstreifen, ist die Frage nach der Grenze, dem richtigen Maß, dem angemessenen Verhalten in vielen Situationen nicht ganz klar. Und diese Frage ist tatsächlich auch nicht einfach zu beantworten. Auf der Hundewiese bekommt der Hundeneuling dann oft den Tipp, die Hunde doch einfach alles alleine ausmachen zu lassen. Schließlich seien es ja Hunde und man solle da nicht so eingreifen.

Grundsätzlich ist dieser Ratschlag ja nicht schlecht. In der praktischen Umsetzung jedoch häufig nicht sinnvoll. Denn man darf nicht vergessen, dass es sich meist um fremde Hunde handelt, nicht um ein etabliertes Rudel, bei dem sich die Individuen kennen, sich einschätzen können, Erfahrungen miteinander gesammelt haben und dann in einer entsprechenden Situation in der Lage sind, "das alleine auszumachen." Und selbst in etablierten Gruppen muss der Mensch oft eingreifen. Und ja, klar, Hunde sollen sich beschnüffeln dürfen und spielen und auch mal anzicken dürfen. Aber das Maß und die Umstände sind ganz entscheidend. Vor allem möchte ich hier mal wieder für die Besitzer kleinerer Hunde und ängstlicher Hunde in die Bresche springen. Es ist nicht so einfach mit einem kleinen Hund Situationen zu finden, in denen er positive und stressfreie Erfahrungen mit anderen Hunden sammeln kann, die ihn mit mehr, und nicht WENIGER Selbstbewusstsein aus der Situation gehen lassen. Nicht jeder kleine Hund ist ein Jack Russell Terrier, der vor Selbstbewusstsein strotzt und auch ein Spiel mit einem Elefanten nicht ablehnen würde. Die enormen Größenunterschiede, die wir gezüchtet haben, sind oft ganz einfach Auslöser für Schmerz und Unwohlsein und auch nicht ungefährlich. Wenn ein 4 Monate alter Zwergspitz von einem ausgewachsenen, ungebremsten, größeren Hund, und im Fall der Fälle noch von einem weiteren Hund angespielt wird und sich sichtlich ängstlich zeigt, bzw. sich schon überschlagen hat, dann ist es völlig in Ordnung, wenn man den Hund da rausholt (oder die anderen wegschickt). "Hochheben ist aber keine gute Lösung." sagt sich leicht, wenn man der Besitzer des großen, kräftigen Hundes ist, der dann auch noch die Person mit dem Hund auf dem Arm anspringt und nicht zurück gepfiffen wird. Die Frage ist doch: "Was soll der (kleine) Hund lernen?" Es tut ihm vielleicht weh, er kommt aus der Situation nicht heraus, da er von den anderen überhaupt nicht ernst genommen wird, lernt Hilflosigkeit und lernt zudem, dass er sich auf den Menschen an seiner Seite auch nicht verlassen kann. Hundekontakte werden so unangenehm, dass der Hund irgendwann Angst vor Situationen mit anderen Hunden entwickelt. Es wäre im Gegenteil die Aufgabe des anderen Hundebesitzers, seinem Hund höfliche Annäherung an kleinere, schüchterne, ängstliche, oder generell an alle Hunde beizubringen. Aber Erziehen und auch mal Grenzen setzen ist leider im Moment nicht in. Hunde pirschen sich an, preschen los, rennen andere über den Haufen, sind körperlich zu übergriffig und der Tenor bleibt: "Das machen die alleine aus." Oftmals auch ein Satz, der überspielen soll, dass der eigene Hund tatsächlich leicht außer Kontrolle geraten ist (oder noch nie unter Kontrolle war).

Laissez-faire in der Hundeszene. Das ist sehr schade und sehr kontraproduktiv für ein reibungsloses Miteinander, von dem schließlich ALLE was haben sollen. Nicht nur "survival to the fittest".

Ich kann nur jedem Hundebesitzer raten: Hört auf euer Bauchgefühl. Euer Hund fühlt sich nicht wohl? Hat große Furcht? Warum? Könnte er diese Situation jetzt ruhig mal aushalten lernen und was für sich lernen? Oder ist die Situation eindeutig unfair (z.B. Hund an Leine -  anderer Hund rennt unangeleint rein / kleiner Hund - großer grobmotorischer Hund / schüchterner Hund - extrem ungehemmter Hund / ein vorsichtiger Hund - mehrere Draufgänger). Dann raus aus der Nummer und mit etwas Abstand zum Chaos irgendwo noch eine schöne Erfahrung verschaffen. Vielleicht erst mal mit einem weiteren Hund, oder mit ruhigeren, besser erzogenen Hunden. Jeder Hund hat seine Geschichte, bei den vielen Auslandshunden kennen wir sie oft nicht. Erst mal langsam und möglichst stressfrei. Denn es ist völlig egal ob „...der nur spielen will und nix tut....“, die Perspektive des unsicheren Hundes ist die wichtige, nicht die des Draufgängers.

Eine Kollegin von mir nannte nicht zu Unrecht unlängst einen Hundeplatz sehr scharf "Mobbingkäfig". Und ja, dieser Begriff verdeutlicht schön, was für Erfahrungen dort für einige Hunde zu sammeln sind..... Natürlich darf man das nie verallgemeinern. Geht auf die Wiese, auf den Hundeplatz und guckt wer da ist. Kümmern sich die Leute um ihre Hunde? Greifen sie auch mal ein, wenn die Hunde über die Stränge schlagen? Werden die Hunde, ja auch vom Menschen, in ihre Grenzen verwiesen? Oder sitzen die Leute am Rand, trinken Kaffee, gucken aufs Handy und lassen ihre Hunde hemmungslos machen, was sie wollen. Denn es ist ja schließlich der Hundeplatz / das Hundeauslaufgebiet und Erziehung ist sowieso anstrengend. Dann ist das Verlassen dieses Ortes mit Sicherheit zunächst die bessere Idee.

Hunde (nicht alle...) brauchen Hundekontakte, wollen kommunizieren und sollten ihre eigene Sprache lernen / nicht verlernen. Aber diese Erfahrungen kann man so gestalten, dass sie Sinn machen oder eben so, dass der Schuss nach hinten losgeht.

Kümmert euch, das ist okay und euer Hund wird euch dafür als verlässlichen Partner wahrnehmen und euch dankbar sein!

 

 

 
Posted on December 20, 2017 and filed under Alltag mit Hund, Rücksicht + Miteinander.

Der angeleinte Hund

 Illustration: Katharina Reinsbach

Illustration: Katharina Reinsbach

 

 

ODER: Fragen kostet doch nichts...........

 

Für viele Hunde ist der tägliche Spaziergang an der Leine nervenaufreibender, als das ihren Menschen oft bewusst ist. Gerade wer zum ersten Mal sein Leben mit einem Caniden teilt denkt oft, dass Hunde immer und überall Kontakt zu anderen Hunden haben wollen. Dieser Gedanke ist nachvollziehbar und nett gemeint. Dem ist aber nicht immer so........

Die Hundedichte in Berlin ist sehr hoch. Ich stelle mir gerade vor, ich müsste täglich zu etwa 15 fremden Leuten Kontakt aufnehmen, während ich einfach nur mal ein bisschen in Ruhe von A nach B laufen möchte. Kurz quatschen, ein paar Smalltalk-Informationen zur Person austauschen und dann weiterziehen. 15 Mal. Dieses Maß an erzwungenem "Socialising", wie man so schön sagt, würde bei mir persönlich ziemlichen Stress auslösen. Auch unsere Hundecharaktäre sind in ihren Bedürfnissen und Persönlichkeiten sehr unterschiedlich.

Vielleicht ist der mir entgegen kommende Hund ein Rüde, der generell nicht besonders gut auf Geschlechtsgenossen zu sprechen ist und nun innerhalb seiner persönlichen und in täglicher Schwerstarbeit gesteckten Reviergrenzen auf einen potentiellen Eindringling und Konkurrenten stößt. "Schon wieder so einer. Wie kommen die Menschen nur auf die absurde Idee, dass ich, auch noch an der Leine, mit diesem Störfaktor in freundlichen Kontakt gehen möchte. Er, und all die anderen Kerle, die sich ungefragt in meinem Territorium aufhalten, werden niemals meine besten Freunde." Oder eine Hündin, die andere Hunde zwar duldet aber nicht ihre persönliche Individualdistanz unterschritten wissen möchte. Ob diese nun 50 cm oder 5 m umfasst, entscheidet der Hund, nicht der Mensch.
Vielleicht ist der Hund auch ein kleiner Hund, der schon des Öfteren von größeren Hunden sehr unwirsch und ungehemmt an der Leine überfallen wurde. Mit Anpirschen, Fixieren, Verunsichern und Losspringen und der innerlich bei jedem neuen Hund zu beten beginnt. Denn weg kann er nicht, das weiß er. Und auf seinen Menschen verlassen, dass dieser die Situationen regelt und ihm die ungebremsten Hunde vom Leib hält, kann er sich leider auch nicht. Auch das hat er gelernt.
Dann gäbe es da noch die unzähligen ausländischen Tierschutzhunde in Berlin. Die zum Teil schlechte Erfahrungen mit anderen Hunden gemacht haben oder viel zu wenige Erfahrungen und die extrem unsicher bis verängstigt durch die Stadt laufen. Zum einen müssen sie sich erst mal an diesen Lärm, die vielen Reize, Menschen, Fahrradfahrer, rennende Kinder, Geschrei, Autos, Tram, Baustellen etc. gewöhnen und dann, als wäre das nicht schon genug, auch noch im gefühlten 4-Minuten-Takt mit wildfremden Hunden auseinandersetzen. Angeleint - also im Zweifel in der Falle. Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um sich wohl zu fühlen und positiv gefärbte Erfahrungen mit anderen Hunden zu sammeln.
Auch Welpen haben es nicht leicht. Zum Glück wissen heute die meisten Menschen, dass es keinen Welpenschutz gibt und sind dann zumindest bei ihren Welpen noch vorsichtiger im Kontakt. Viele Welpen sind aber schlicht überfordert, mit den ständigen Hundekontakten. Sie müssen sich erst mal an diese Welt und die Stadt und auch die Leine gewöhnen und sie sind klein und haben noch keine Strategien erlernen können, sich gegenüber aufdringlichen anderen Hunde zu positionieren. Vor allem an der Leine, ohne die Möglichkeit auszuweichen, sich zurückzuziehen. Stress. Da wäre eine gut geführte Welpenspielstunde mit genügend Bewegungsfreiheit erst einmal angemessener.
Ähnlich geht es Hunden, die Schmerzen empfinden, nach einer OP oder die generell an einer Krankheit, z.B. chronischen Gelenkproblemen leiden. Für sie ist jeder nicht freiwillig aufgesuchte Kontakt zu anderen Hunden eine mögliche Quelle für Schmerz.
Und nicht zu vergessen die läufigen Hündinnen und deren Menschen, die sich zweimal im Jahr permanent Rüden vom Hals halten und oft auch noch rechtfertigen müssen. Auch läufige Hündinnen müssen irgendwo in der Stadt angeleint spazieren gehen. Mit möglichst wenig Übergriffen.

Die sogenannte "Leinenaggression" ist demnach oft ein hausgemachtes Problem. Wer den beschriebenen Querschnitt möglicher Stressfaktoren für angeleinte Hunde betrachtet und weiß, dass diese keine Ausnahmen darstellen, sondern dass es tatsächlich vielen Hunden so geht, der versteht, dass ein Kontakt zwischen fremden Hundeindividuen, an der Leine, ohne Mitspracherecht des Hundes, einfach nicht immer die beste Idee ist. Irgendwann fangen viele Hunde an, sich selbst zu helfen. Es tut ja sonst keiner.
Klar, es gibt auch den Typ Labrador, der Kontakt zu anderen Hunden liebt, nicht genug davon kriegen kann, nach dem zwanzigsten Hund noch weiter machen will. Und zum Glück gibt es auch viele souveräne Hunde, die mit solch engen Situationen mit fremden Hunden gut umgehen können. Aber genau wie beim Menschen sind nicht alle Hunde vom Typ Labrador und ständig auf der suche nach Kontakt oder souverän vom Persönlichkeitstyp her.

Ich wünschte mir für Hundebegegnungen mehr Rücksichtnahme untereinander. Dass man sich, wenn man einem angeleinten Hund begegnet, einmal kurz fragt: "Könnte es einen Grund haben, dass dieser Hund an der Leine läuft? Trifft vielleicht einer der aufgeführten Punkte auf ihn zu? Ist er ängstlich, krank oder einfach ein introvertierter Typ, der bitte einfach seine Ruhe haben möchte?" Und dann die logische Konsequenz daraus, die höfliche Frage an den Menschen, ob Sozialkontakt, hier und jetzt, im angeleinten Zustand erwünscht ist, oder ob man sich lieber später ohne Leine auf der Hundewiese treffen sollte. Auf der die Hunde die Möglichkeit haben freiwillig und richtig miteinander zu kommunizieren.
Damit der tägliche Spießrutenlauf für viele Hunde und deren Halter ein Ende hat. Das kann einen hohen Leidensdruck für alle Beteiligten darstellen, die oft nur noch nachts spazieren gehen.
Wenn wir alle wieder anfangen nachzufragen und uns gegenseitig darüber aufklären, dass Kontakt an der Leine großer Stress für Hunde sein kann, dann besteht vielleicht die Möglichkeit, den Hunden und ihren Haltern in Zukunft ihren Dauerstress durch mehr Zurückhaltung und weniger Aufdringlichkeit zu mildern.


Im Namen dieser Hunde und ihrer Menschen: Danke!

 

 

 
Posted on October 10, 2017 and filed under Rücksicht + Miteinander.

 
 
Posted on October 24, 2015 .